Studienverzeichnis 2/2002 der
»Privaten Kleinen Malakademie«
in
der Fassung vom 01.07.2002
Übersicht über den
Studiengang »Altmeisterliche Malerei«
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Vorwort
1. Definitionen
Dieser Studiengang richtet sich an qualifizierte
MalerInnen, denen daran gelegen ist, ihr Wissen auf dem
Gebiet der Maltechnik und -weisen der sogenannten »Alten
Meister« zu erweitern bzw. zu vervollkommnen.
Hauptsächlich sind hier die Gebiete Tempera- und
Ölmalerei angesprochen. Sicher ist es schwierig, genau
zu definieren, was »Alte Meister« sind bzw. waren. In
diesem Zusammenhang soll für den Bereich dieses
Studienganges folgende Vereinbarung getroffen werden:
1. Der Beginn »Altmeisterlicher Technik« wird bei den
Gebrüdern Van Eyck (Hubert Van Eyck 1370 - 1426, Jan Van
Eyck 1390 - 1440) angesiedelt. Als historisch wichtige
Gegebenheit gilt insbesondere die spezielle Aufteilung
der Malerei in a) Untermalung mit Ei-Tempera (Erfindung
der Ei-Emulsion durch die Gebrüder Van Eyck, Herstellung
eines »Temperakerns« für die nachfolgende Übermalung)
und b) Übermalung mit Ölfarben - ggf. auch mit
Harzölfarben.
2. Jede »Altmeisterliche Malerei« wird auf farbig
vorlasierten Malgründen (Definition nach Prof. Max
Doerner: »Imprimitur« 1 ) angelegt, und die gesamte
praktische Ausführung wird in a) Modellierung durch
Weißhöhung auf farbig lasiertem Grund und b)
darübergelegte Farbgebung durch überwiegend lasierende
Farbschichten aufgeteilt. Daher gliedert sich jede
»Altmeisterliche Malerei« in Form- und Farbgebung, die
in getrennten Schritten ausgeführt werden. Vorteil
dieser altmeisterlichen Behandlung bzw.
Arbeitsaufteilung: Die Aufmerksamkeit der MalerInnen
konzentriert sich im Stadium der Weißhöhung vornehmlich
auf die Formgebung, und erst nach beendeter Formgebung
beginnt das entscheidende Denken in farblichen
Zusammenhängen. Diese Aufteilung bedeutet naturgemäß
für Anfänger, daß sie relativ leicht in den Bereich
altmeisterlicher Malweisen einsteigen können -
vorausgesetzt, sie sind ausreichend begabt.
3. Farben werden häufig in aufeinanderfolgenden Lasuren
- nicht durch Vormischen auf einer Palette - aufgetragen.
Daher ist die »altmeisterliche« Farbwirkung der Lasuren
völlig unterschiedlich zu jenen Farbwirkungen, die
entstehen, wenn Farben auf der Palette zuerst vorgemischt
und nach Abschluß des Mischungsvorgangs vollständig und
meist in einem einzigen Arbeitsgang auf das Bild
aufgetragen werden. In der Schlußphase der
Bildgestaltung wird allerdings Primamalweise bevorzugt,
denn mit Lasuren allein wird ein Bild kaum vollendet.
Bilder bekommen schlußendlich durch aufgesetzte
»Lichter« und »Drucker« Haltung, Charakter und Stil,
die jeden Künstler/jede Künstlerin ganz persönlich
auszeichnen. Farblasuren lassen die Grundfarbe der
Imprimitur praktisch an vielen Stellen durchscheinen, und
so verbindet die Imprimiturfarbe alle Farben des fertigen
Bildes in harmonischer Weise. Solch ein Bild erscheint
nicht bunt, sondern farbig.
Die im nachfolgenden Studienplan aufgeführte Farbenlehre
ist nur kurz gefaßt. Dies hat seinen Grund darin, daß
der Maler ein Gefühl für Farben besitzen muß (Talent,
Begabung), das, wenn es vorhanden ist, höchstens
behutsam gefördert werden kann. Kurt Wehlte schrieb 2 :
»Die Mehrzahl der Künstler lehnt eine Farbenlehre
grundsätzlich ab und zwar anscheinend nicht ganz zu
Unrecht. Künstlerisches Gestalten beruht auf einer
natürlichen Begabung, die durch Schulung lediglich
diszipliniert, niemals aber ersetzt werden kann. Wenn ein
Maler kein angeborenes Gefühl für Farben hat, so taugt
er nicht für diesen Beruf. ...« In diesem Zusammenhang
sei erlaubt, den altbekannten Satz: »Je kleiner der
Maler, desto größer die Palette« zu zitieren
Vorerst werden die im Studiengang verwendeten
Farbpigmente von Schmincke empfohlen. Sogenannte
»Studienfarben«, die in ihrer Qualität nicht mit
Künstlerpigmenten verglichen werden können, werden
nicht eingesetzt. Farbpigmente werden jedoch nur solange
verwendet, als die jeweilige Farbe lichtecht nach
höchstem Standard ist (5 Sterne) und ungiftig. Alle
bedenklichen Pigmente werden aus der Anwendung verbannt,
weil es mittlerweile genügend unbedenkliche und
einwandfreie Ersatzpigmente gibt. Eventuell wird noch auf
besonderen Wunsch das altbekannte Kremserweiß (giftiges
Bleiweiß) vorgeführt, wenn ganz besondere farbtypische
Wirkungen erzielt werden sollen; dies soll jedoch ein
Ausnahmefall bleiben.
4. Wenn auch der Beginn »Altmeisterlicher Malerei«
definitionsgemäß bei Van Eyck liegen kann und darf, so
ist eine Definition »Beendigung Altmeisterlicher
Malerei« völlig offen. Es kann nicht mit Sicherheit
näher bestimmt werden, wann »Altmeisterliche Malerei«
aufhört bzw. wann irgendeine Art »Moderne Malerei«
beginnt. Ein Beispiel möge dies verdeutlichen: Wilhelm
Leibl (1844 - 1900) malte offensichtlich in einer
Malweise, die keinesfalls modern war; in seiner
Maltechnik verließ Leibl jedoch bewährte Pfade
altmeisterlichen Technik-Wissens, so daß viele seiner
Ölbilder mittlerweile runzeln und stark bräunen
(nachdunkeln), das weitere Bräunen nicht mehr
aufzuhalten auch nicht mehr umzukehren ist
und der Zeitpunkt abzuschätzen ist, wann manche seiner
Ölbilder als zerstört gelten müssen.
5. Sofern neue Bindemittel (beispielsweise Alkydharze,
Cyclohexanonharze, Acrylharze) alte Bindemittel
(beispielsweise Mastix- und Dammarharz) vorteilhaft
ersetzen können, ohne deren Nachteile aufzuweisen,
läßt sich mit diesen neuartigen Bindemitteln bei
entsprechender Anwendung hervorragend altmeisterlich
malen. Vorzug dieser neuen Bindemittel: Lasuren trocknen
erheblich schneller, so daß sie in kürzesten
Zeitabständen wiederum übermalbar sind, wobei
gefährliche Sikkative, die bekannterweise Bräunen und
Schwarzwerden begünstigen, nicht benötigt werden. Die
neuen Kunstharze vergilben kaum und sind im allgemeinen
leicht zu verarbeiten; Acrylharze trocknen jedoch rasch,
so daß man gezwungen ist, sehr konzentriert und schnell
zu arbeiten. Alkydharze sind - je nach Einstellung und
Mischung mit anderen Bindemitteln, z. B. Ölen -
wesentlich leichter beherrschbar.
6. Sofern ein »modern eingestellter Maler« alte
Maltechnik anwendet, um seine Vorstellungen zu
verwirklichen, bedient er sich zwar »Altmeisterlicher
Technik«, seine Werke werden jedoch nicht automatisch
»altmeisterlich« genannt. Sehr vorsichtig soll deshalb
im Rahmen dieses Studiengangs definiert und
festgeschrieben werden, daß »Altmeisterliche Technik«,
»Altmeisterliche Malweise« und »Naturalistische
Darstellungsweise« einander zugeordnet sind.
2. Voraussetzungen (weitere Anmerkungen zu
altmeisterlichen Malweisen)
Jede Anwendung altmeisterlicher Maltechnik und -weise
verlangt, daß man sich mit alten Meistern und ihren
Werken befaßt. Weil Maltechniken und -weisen folglich
gleichzeitig studiert werden, wäre es eigentlich
notwendig, die wichtigsten »Alten Meister« genauer zu
studieren. Max Doerner beispielsweise forderte dies und
beschrieb selbstsicher Maltechnik und -weisen alter
Meister, ohne zu ahnen, daß er krasse Fehlurteile abgab.
So vermerkte er beispielsweise, daß Rembrandt seine
Bilder u. a. mit harzigen Malmitteln gemalt habe. 3
Später korrigierten ihn seine Schüler: 4 »Daß
Rembrandt also harzhaltige Bindemittel oder Beimischungen
verwendete, wie es Doerner in seinen früheren
Rekonstruktionen vermutete, hat sich nicht als haltbar
erwiesen. In Rembrandts Farben fanden sich
ausschließlich Leinöl und in manchen Farben auch
Walnußöl. Organische Marerialien, wie Wachse, Harze
oder eiweißhaltige Stoffe konnten nicht nachgewiesen
werden. Wegen ihrer chemischen Verwandtschaft ließen
sich bisher Farbstoffe und anorganische Bestandteile nur
schwer nachweisen. Trotzdem wurden anorganische
Beimischungen wie Bleiverbindungen oder zu Puder
zerstoßenes Glas nachgewiesen, die in erster Linie zur
Verkürzung des Trocknungsprozesses dienten. Die
eigentlichen Wunder in Rembrandts Malerei lassen sich
kaum naturwissenschaftlich nachweisen; sie liegen im
optischen Bereich.«
In gleicher Weise irrte Doerner auch bei Rubens, dessen
Maltechnik und -weise er nur aufgrund von Vermutungen -
also grundfalsch - beschrieb. Heutzutage sind die
Wissenschaftler bedeutend vorsichtiger geworden, und
verfolgt man die heutige (aufrichtige) Fachliteratur, so
findet man ehrlichere Erläuterungen wie »Wir vermuten,
... Wir glauben, ... Wir nehmen an ...«. Aus diesem
Grund wird im Verlauf dieses Studienganges auf
Maltechniken und -weisen der verschiedensten alten
Meister nicht speziell eingegangen. Etwas anderes steht
dafür im Vordergrund der praktischen Studieninhalte: Es
soll fortwährend gezeigt werden, auf welche Weise man
Wirkungen altmeisterlicher Malkunst erzielen - also
nachahmen - kann, indem und wenn man jene Werkstoffe
benutzt, die in früheren Zeiten bekannt waren:
Farbpigmente in Pulverform, Leinöl bester Herkunft,
doppelt rektifiziertes Terpentinöl, Dammarharz, usw.
Hinzu kommen die bereits erwähnten neuen Harze, die
Ersatz für die Herstellung von Harzfirnissen sein
können (Harzfirnisse als Zusatz für Herstellung von
Bindemitteln und ggf. Malmitteln, auch verwendbar als
Zwischen- und als Schlußfirnisse). Vor allem wird auf
wichtigste handwerkliche Regeln hingewiesen:
Fett auf mager,
spannungsarm auf spannungsreich,
trocken malen,
viel Pigment, wenig Bindemittel verwenden.
Einzelheiten zum Studienplan mit Stundenzahlen
Anmerkung
Praxisgerecht ist es, wenn die Bewerber für diesen
Studiengang an den Lehrveranstaltungen in regelmäßiger
wöchentlicher Folge teilnehmen. Die hier aufgeführten
Stunden sind die üblichen »Lehrstunden zu je 45 Minuten
Dauer«. Vorgesehen ist weil die meisten
Studienbewerber höchstwahrscheinlich entweder in
Ausbildung oder im Berufsleben stehen ein
Unterrichts- bzw. Praxisabend pro Woche zu je 4 Stunden =
3 Zeitstunden. Wenn Bewerber am Blockunterricht
teilnehmen möchten, werden die Unterrichtszeiten
besonders vereinbart.
Es ist notwendig, darauf hinzuweisen, daß die hierunter
vermerkten Stundenzahlen für den Bewerberkreis der
Fortgeschrittenen gilt. Ins Auge gefaßt wird
erforderlichenfalls eine Verlängerung der Stundenzahlen
für Anfänger und möglicherweise eine entsprechende
Verkürzung für besonders Qualifizierte. Im allgemeinen
wird es für den Fortgeschrittenen möglich sein, diesen
Studiengang nach 3 Semestern erfolgreich abzuschließen.
Zusammenstellung
der Fußnoten:
1Max Doerner, Malmaterial und seine Verwendung im Bilde,
zur Zeit 17. Auflage 1994 Ferdinand Enke Verlag
Stuttgart, Seite 187
2 Kurt Wehlte, Werkstoffe und Techniker der Malerei, Otto
Maier Verlag Ravensburg, zur Zeit vierte Auflage 1990,
Seite 811
3 Max Doerner, Malmaterial und seine Verwendung im Bilde,
frühere (12.) Ausgabe von 1965, Seite 351: Nur mit
selbstgeriebenen, frisch für diesen Zweck hergestellten
und sofort vermalten Harzfarben sind solche Wirkungen zu
erreichen. Man kann in den Bildern seiner Spätzeit
sehen, wie er das rasche Anziehen dieser dicken Firnisse
zur Textur des Bildes ausnutzte durch lockeres
Darüberreißen der Farbe. ...
4 Max Doerner, Malmaterial und seine Verwendung im Bilde,
18. Auflage, 1994, Seite 301
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